Gyönk in Ungarn ist ihre zweite Heimat

Stadtteilpartnerschaft: In der Kleinstadt, aus der ihr Mann stammt, hat Ingeborg Knieß viele Freundschaften geschlossen.

Ein Lokal namens ,,Budapest", eine Paprikawurst im Angebot der Stadtteil-Metzgerei und aus Ungarn stammende Weinstöcke in den Gärten: Das sind die einzigen äußerlichen Hinweise auf jene Ungarndeutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Existenz in der Siedlung aufbauten.
Darüber hinaus gibt es noch einen institutionalisierten Austausch zwischen der alten und neuen Heimat. Das ist die Stadtteilpartnerschaft mit Gyönk, einer 2500-Einwohner-Gemeinde. Der 150 Kilometer südlich von Budapest gelegene Ort ist 1115 Kilometer (Luftlinie: 817 Kilometer) von Darmstadt entfernt. Im vorigen Jahr wurde Gyönk in den Rang einer Stadt erhoben - und Ingeborg Knieß feierte das Ereignis als Ehrengast mit.

 

Es war ihr Mann, der ,,heimliche Bürgermeister" der Heimstätte, Heinrich Knieß (1932 bis 2002), geboren in Varsad bei Gyönk, der diese besondere Stadtteilpartnerschaft vor 20 Jahren begründete. Genau betrachtet ist es ein Dreier-Bündnis, dem außer Gyönk und der Heimstättensiedlung auch noch die Stadt Griesheim angehört. Viele ältere deutschungarische Siedler stammen wie Heinrich Knieß aus Gyönk oder der näheren Umgebung. Schon ab 1720 hatten sich deutsche Ansiedler aus Hessen in der Region niedergelassen. Zeitweise waren die deutschstämmigen Dorfbewohner sogar in der Überzahl. Allerdings hatten ihnen die Ungarn 40 Jahre lang verboten, deutsch zu sprechen. Seit dem Tod von Heinrich Knieß hält seine Frau Ingeborg die Verbindung aufrecht und erfüllt damit seinen Herzenswunsch. Sie engagiert sich mit viel Charme beim Förderkreis Gyönk. ,,Mein Mann hat mir Ungarn so toll eröffnet", sagt die temperamentvolle, dunkelhaarige Darmstädterin, die bestimmt schon oft für eine Ungarin gehalten worden ist. Mit Heinrich Knieß hat sie viele Monate in Gyönk gelebt und betrachtet die ungarische Stadt inzwischen als ihre zweite Heimat.
Die Kreisstadt ist eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft voller Weinberge. Sie hat drei Kirchen, ein Kulturhaus, ein Heimatmuseum, eine Metzgerei, eine Apotheke und einen Einkaufsmarkt.
,,Man trifft sich in den privaten Weinhäusern in den Weinbergen", erzählt Ingeborg Knieß vom Alltag. Die Weine lagern in Fässern und werden im Lauf des Jahres bei vielen kleinen Privatfesten leergetrunken. Ingeborg Knieß genießt die Einladungen der Ungarn: ,,In Gyönk ist man nicht anonym. Da kennt jeder jeden".
Wirtschaftlich geht es den Bewohnern wie allen Ungarn ziemlich schlecht. Dies macht Ingeborg Knieß am Beispiel einer Gymnasiallehrerin plausibel, die im Monat nur 500 Euro verdient. Aber die Nebenkosten für Strom, Müll, Wasser und Abwasser sind so hoch wie bei uns. Um Geld zu sparen, kommen nicht wenige Einwohner auf die Idee, ihren Müll illegal zu verbrennen - zum Nachteil der Umwelt. Die Nachkommen der Ungarndeutschen in der Heimstättensiedlung sind kaum noch am früheren Heimatland ihrer Mütter und Väter interessiert. Der Gedanke der Freundschaft über Grenzen hinweg wird heute vor allem durch den Schüleraustausch zwischen Georg-Büchner-Schule und dem Tolnai-Lajos-Gimnazium mit Leben erfüllt. In der ungarischen Oberschule wird, zum Glück für die Darmstädter Schüler, auch in deutsch unterrichtet. Kein Wunder, denn ein Drittel der Bevölkerung hat deutsche Wurzeln.
Beim Darmstädter Grenzgang, beim Heinerfest und der Heimstättenkerb sind die Gyönker gern gesehene Gäste. Auf dem Weihnachtsmarkt betreiben sie einen Stand mit Langosch - eine Hefeteigspezialität.
Warmherzig und großzügig bietet Ingeborg Knieß ihnen ihre Gastfreundschaft und ihr Gästezimmer an. So gibt sie die Freundschaft zurück, die ihr die Gyönker seit Jahren entgegenbringen. Früher hat sie Salami, Wein und frisches Paprikapulver in die Heimstätte mitgebracht. Doch das ist nicht mehr nötig, seit ungarische Spezialitäten auch in deutschen Supermärkten zu finden sind.

 

(Quelle: Darmstädter Echo vom 25.03.2010)