Ein Hauch von Tante Emma

Einkaufen: Der »Nahkauf« kommt mit seinem kundennahen Konzept selbst bei der Konkurrenz von nebenan gut an

Von außen ist es eine von vielen Supermarkt-Ketten, doch drinnen umweht die Warenregale ein Hauch von Tante Emma. »Guten Morgen«, ruft eine ältere Frau in den Laden, den sie gerade betreten hat. Und Ramona Barros-Marquez, die junge Kassiererin mit knalligem Pink im Haar und Glitzerschmuck, grüßt freundlich zurück. Im nächsten Moment gibt sie Walter Seifert sein Wechselgeld in die Hand.

Der 63 Jahre alte Mann kommt etwa jeden zweiten Tag und kauft ein, was er täglich so braucht. Heute sind es eine Tiefkühl-Pizza für ihn zum Mittagessen und ein paar Brötchen für seine sehbehinderte Nachbarin, die er mitversorgt. »Wir sind froh«, kommentiert er die Neu-Eröffnung des »Nahkauf«-Markts Anfang September in den lange leer stehenden Verkaufsräumen im Heimstättenweg 89, in denen einst ein »Plus«-Geschäft war. »Ich find' hier alles, die Sachen sind frisch und ich wohn' um die Ecke.« Zuvor habe er zu »Plus« oder »Real« laufen müssen, die beide ziemlich weit weg seien. »Das ist schon eine Erleichterung«, findet auch Maria Pollak, die mehrmals die Woche hierher kommt. Sie lebt seit ihrer Geburt vor 79 Jahren in der Heimstättensiedlung und freut sich, dass sie nun wieder bequem zu Fuß um die Ecke einkaufen gehen kann. Es sind vor allem ältere Leute, die an diesem Vormittag den Markt betreten - die meisten mit nur einer kleinen Einkaufstasche bestückt. »Hier wohnen generell viele Ältere«, stellt Mitarbeiterin Barros-Marquez fest. »Und die brauchen Ansprechpartner.« Dazu passend, bekommen die Kunden den Namen des Inhabers mitgeteilt, bevor sie den Markt überhaupt betreten haben. »Rainer Dorsch« steht in großen Lettern neben dem Eingang. Die persönliche Note ist Teil des Konzepts. Zwar stelle der »Rewe«-Konzern, zu dem »Nahkauf« gehört, den Rahmen. Doch als Kaufmann handelt Dorsch selbstständig. »Wir können direkter auf individuelle Kundenwünsche eingehen«, betont der 43 Jahre alte Kaufmann, der parallel einen »Nahkauf« in Offenbach eröffnet hat und zuvor einen in Messel betrieb. Die Kundennähe erschöpft sich für Dorsch aber nicht darin, das Sortiment zusammen mit seiner Lebensgefährtin Nina Wagner als Filialleiterin der Nachfrage anzupassen. So habe man mehr Diät-Lebensmittel, Hausmannskost oder Produkte in kleineren Verpackungen ins Programm aufgenommen. »Wir bieten aber auch einen Lieferservice innerhalb der Heimstättensiedlung«, kündigt er an. »Und wir fahren auch mal Kunden mit einem größeren Einkauf heim.« Wie aber kam es dazu, dass er sich ausgerechnet für diesen lange brach liegenden Standort in der Heimstättensiedlung interessierte? Über eine Bekannte habe er die Vermieterin kennen gelernt, die dort wieder einen Supermarkt etablieren wollte. Und im Gegensatz zu dem Trend vor zehn, fünfzehn Jahren, Einkaufsmärkte auf die »Grüne Wiese« zu verlegen, gehe der Trend jetzt dahin, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft für den täglichen Bedarf einkaufen wollen. »Der Standort ist gut, mitten im Viertel.« Anja Krauskopf als Regional-Sprecherin des Konzerns bestätigt das. Absicht der Vertriebslinie »Nahkauf« sei es, die innerörtliche Nahversorgung zu sichern, meist auf vergleichsweise kleinen Flächen um die 500 Quadratmeter. Der Laden von Dorsch sei mit 350 Quadratmetern allerdings kleiner. »Wir möchten an diesen Standorten auch vertreten sein, aber da lohnt sich kein großer Markt.« Auch bedingt durch den demografischen Wandel und die Überalterung entspreche es dem Kundenwunsch, wieder in der Nähe einkaufen zu können. »Der Trend geht dahin, mit den Märkten wieder in die Städte zu ziehen, wo die Leute wohnen.« Das begrüßt selbst Nurcan Köten, die ein paar Häuser weiter mit »Uschi's Lädchen« ebenfalls einen kleinen Einkaufsmarkt betreibt. Zwar merke sie die neue Konkurrenz am Umsatz. »Aber da muss man eben etwas anderes finden, um die Lücke zu schließen«, schlussfolgert die patente Geschäftsfrau. Doch als Heimstättensiedlerin findet sie den neuen Markt toll: »Für die älteren Leute und für die Kinder ist es traumhaft.«

 

(Quelle: Darmstädter Echo vom 21.10.2010)