Wie der Pastor zur „Klimpertaste“ kam

Porträt: Bei Uwe Schäfer-Rinkens lernen Schüler, aber auch Senioren Klavierspielen – Sein Hobby: originelle Windrädchen

Aus dem wohnlich eingerichteten Kellerraum des Wohnhauses In der Köhlertanne 71 perlen Klaviertöne ins Erdgeschoss hinauf, fügen sich zum zögerlich gespielten Flohwalzer zusammen, dem klassischen Stück für Anfänger. Beim Eintreten in den Unterrichtsraum der Musikschule „Klimpertaste“ fällt als erstes aber nicht das Keyboard auf, sondern die originelle Wanddekoration: lauter Windrädchen. Jedes Einzelstück dieser Kollektion ist handgearbeitet. Die Augen brauchen ein wenig Zeit, um diese Vielfalt und vor allem die unterschiedlichen Drehtechniken zu erfassen. Da gibt es verschiedene, biologisch leicht zuzuordnende Blumensorten, einen roten Kussmund, ein Fußballweltmeisterschafts- oder auch ein Jubiläumsrädchen. Uwe Schäfer-Rinkens (46) hat es angefertigt, als seine private Musikschule „Klimpertaste“ zehnjähriges Jubiläum feierte. Das ist nun schon vier Jahre her. „Windrädchenbasteln ist mein Hobby“, erklärt der Musiklehrer. Seine Kreationen sind so hübsch und ungewöhnlich, dass mancher begeistert wäre, sie auch einmal in Aktion im Freien zu erleben. Als Ausstellungsfläche käme der Vorgarten des Hauses in Betracht. Aber regnen darf es nicht, weil diese Spielzeuge des Windes keine Imprägnierung haben. Uwe Schäfer-Rinkens steckt voller Überraschungen. Er ist nämlich auch Kinderliedermacher, Komponist, hat ein eigenes Schulbuch fürs Notenlernen verfasst – jedoch keine Zeit, es drucken zu lassen – und ist außerdem von seinem Erst-Beruf stark geprägt. „Eigentlich bin ich Pastor“, gesteht er. Er gehört der evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaft an. Als er vor 14 Jahren arbeitslos wurde, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf seine musikalischen Fähigkeiten zu besinnen. Das war die Geburtsstunde der „Klimpertaste“. Aus dieser Zeit kennt er alle Briefkästen in der Siedlung, denn er hat überall seine Werbezettel eingeworfen. Seine ersten Klavierschüler unterrichtete er noch in einem Mietshaus im Amselweg, in dem er damals wohnte. Natürlich erst, nachdem er die Mitbewohner um Erlaubnis gefragt hatte. Die Einnahmen reichten für seinen Lebensunterhalt nicht aus, deshalb arbeitete er zusätzlich in einem Lager und stapelte Paletten. Das alles gehört der Vergangenheit hat, denn inzwischen ist die Musikschule „Klimpertaste “ in der Siedlung die erste Adresse für Kinder und Jugendliche, die Klavier lernen wollen oder sollen. Einem Jungen bringt Uwe Schäfer-Rinkens außerdem das Akkordeonspiel bei. Er unterrichtet hauptsächlich Schüler, aber auch Vorschüler und sogar einen 76 Jahre alten Mann, der sich mit seinem neuen Hobby Musik selbst eine Freude machen will. Es sei nie zu spät, mit dem Tastenspielen anzufangen, sagt Uwe Schäfer-Rinkens und zitiert eine Studie von Gehirnforschern. Ältere Menschen seien durchaus noch lernfähig, brauchten allerdings mehr Zeit und vor allem Geduld, um das zu erreichen, was manchen Kindern nur so zufliegt. Wer das Maschinenschreiben mit zehn Fingern beherrsche, habe beim Klavierlernen im fortgeschrittenen Alter sogar einen kleinen Motorik-Vorteil, sagt Schäfer-Rinkens. Der Rest bestehe aus Routine und Üben. Die Schüler werden mittags oder am frühen Vormittag einzeln unterrichtet. Ihre Fortschritte hängen davon ab, wie engagiert sie sind und wieviel sie üben. Jeder lerne bei ihm das, was er spielen möchte, sagt der „Klimpertasten“-Chef. Das sei eine gute Motivation für die Schüler. Zur Zeit ist der Eurovisions-Song von Lena der Favorit der Mädchen. In ihrer Freizeit sind Uwe Schäfer-Rinkens und seine Frau Maren Schmidt-Kielmann für die Kirche tätig. Sie gestalten für den christlichen Fernsehsender Hope Channel (Bickenbach) kleinere Spots und Andachten. Vor zwei Jahren veranstaltete Schäfer-Rinkens ein Kindermitmachkonzert bei der Nacht der Kirchen. Die Bewohner des Altenheims in der Rüdesheimer Straße freuen sich, wenn er ihr Spargelessen mit Musik begleitet, das ist schon Tradition. Oft wird der Musiklehrer gefragt, warum er und seine Frau so unterschiedliche Doppelnamen haben. Die Antwort war schon im Februar 2007 in der ECHO-Rubrik „Wer, Wann Was“ von Bert Hensel nachzulesen. Uwe Schäfers Zusatzname geht auf seinen Urgroßvater zurück, den Eisenacher Musiker Friedrich Wilhelm Rinkens. Seine Frau Maren Schmidt nahm den Nachnamen ihrer geliebten Großmutter an.

(Quelle: Darmstädter Echo vom 19.05.2011)