| Heimstättenkerb: Kerbumzug mit inhaltlicher und farblicher Vielfalt |
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Geschmückte Straßen, Bierzeltgarnituren in Auffahrten, Stühlchen am Straßenrand: Kerb in der Heimstättensiedlung Kerbumzug mit 62 Zugnummern. Der Umzug wurde dreifach in Blau angeführt, vorneweg Stadtteilpolizist Reiner Leichtlein im Polizeiwagen, gefolgt vom Musikzug Darmstadt und den blaubehemdeten Kerbemädchen (samt Nachwuchs) des Bürger- und Kerbvereins (BKV) sowie dessen Vorstand. Der BKV verteile auch die Gaben: Bonbon und kleine Schlüsselanhänger prasselten aufs Pflaster. Die Parteien waren in einen Block gepackt, egal, wer sich nun gerade mag oder nicht. So gab es Äpfel von den Grünen, Lutscher von der FDP, Bonbons von der CDU und rote Rosen von der SPD, eigenhändig verteilt von Justizministerin Brigitte Zypries. Mit kleinen Flammenkronen geschmückt, fuhren die Kindergartenkinder der Heilig-Kreuz-Gemeinde durch die Siedlung. Ob sie die Erleuchtung hatten, wird man die Eltern fragen müssen, die orangefarbenen Krönchen standen jedenfalls für das Feuer, Jahresmotto der Heilig-Kreuz-Gemeinde. Ebenfalls die Siedlung grüßten die Kerbveranstalter aus Arheilgen, der Waldkolonie, dem Martinsviertel und Bessungen; die Martinsviertler mit einem rosa Watz auf Rollen und kleinen Popcorntüten für die Kinder, die Bessunger mit einem fahrenden Ludwigsturm und Karotten. Auch Auswärtige zogen durch die Siedlung, aus Heidelberg war der Guggenmusikzug „Ratz-Fatz Gugga“ in Piratenkostümen gekommen. „Wir sind irgendwo gesehen worden und wurden gebucht“, sagte Dieter Grendel. Ein Freundschaftsbesuch sei die Teilnahme daher noch nicht, „aber das kann ja noch eine alte Freundschaft werden“. Eine etwas weitere Anfahrt hatte auch der Mainzer Fanfarenzug „Die Lerchen“, der – nomen est omen – vor 33 Jahren in Mainz-Lerchenberg gegründet wurde. „Jürgen Luft vom BKV hat uns vor drei Jahren in Eberstadt angesprochen“, sagte Präsident Reinhard Kaltenbach, seitdem ist man beim Umzug der Siedlerkerb dabei. Auch die Bürgerinitiative gegen die ICE-Trasse entlang der Eschollbrücker Straße fuhr mit. Sie hatte ihren Motivwagen der veränderten Lage angepasst und leicht umgebaut, um den Meinungswechsel bei Oberbürgermeister Walter Hoffmann zu zeigen. Ritt vor zwei Jahren die OB-Puppe als ICE-Befürworter noch auf dem Papp-ICE, stand sie nun mit einer „Stopp, ich muss nochmal nachdenken“-Sprechblase vor dem Zug. Zufälliges Kontrastprogramm lieferten die unmittelbar aufeinander folgenden Transporter des Tischtennisclubs (TTC) und des Siedlerbundes. Der TTC grüßte mit einer Wagenladung voller Kinder die Siedlung, die 1932 gegründete Siedlergemeinschaft Darmstadt Süd mit einer Wagenladung voller Senioren. Für den Karnevalsclub Eiche trommelten die „Marsch Mellows“, eine Prinzessinentruppe grüßte schon mal mit „Helau“. Wem es zu warm war, den kühlte das KCE-Männerballett „Zu Schee“ mit einer Dusche aus dem Kärcher ab. Die SKV Rot-Weiß Fußballer verschenkten Quietsche-Entchen und Meisterschalen – geldstückgroße Kühlschrankmagneten. Und die Tennisspieler ließen Filzbälle statt Bonbons springen. War es gestern beim Kerbumzug sonnig, war man bei der Eröffnung am verregneten Freitag froh, dass sie im Zelt stattfand. Nach dem Einzug der Kerbburschen- und -mädchen begrüßte BKV-Vorsitzender Jürgen Luft die Gäste. Und die Siedler zeigten gleich, was und wer ihnen am Herzen liegt: Braven Applaus gab es für die Lokalpolitiker, Applaus und Jubel für die Kerborganisatoren aus Bessungen, Martinsviertel und Waldkolonie und die Darmstädter Brauerei, die das Fass für den Anstich spendet. Die Kerb-Schirmherrin von 2008, Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), ließ sich entschuldigen: Terminkollision mit der Ober-Ramstädter Kerb. Als Schirmherr 2009 folgte der Ministerin Walter Hiller, Kommunikationsdirektor der Software AG Stiftung. „Ich bin sehr beeindruckt, wie hier solidarisch gearbeitet wird“, lobte der neue Spatenträger die Siedler. Am lautesten wurde einer begrüßt, der nicht mehr in der Siedlung wohnt: Pater Jörg Eickelpasch. Bis Juni war er noch Heilig-Kreuz-Pfarrer, nun war er– wie bei seinem Abschied versprochen – zur Kerb gekommen und wurde zum „Ehrenkerbebursch“ ernannt. „Das ist ja auf Zukunft gebaut“, kommentierte Eickelpasch das blaue Kerbburschen-T-Shirt im XXXL-Format. „Der hat es geschafft, sogar Protestanten in die Kirche zu tragen“, lobte ihn Kerbvater Ernst Lach. In seiner Kerbrede blickte Lach aufs vergangene Jahr zurück. Die Wahl Obamas zum US-Präsidenten habe ihn bewegt, „er kann den Menschen wieder Hoffnung geben“. Die Bundestagswahl werde eine Qual, prophezeite er. SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier mache große Versprechungen, CDU-Kanzlerin Merkel mache eher wenig. Darmstadts Politikern empfahl er, die Nordostumgehung nochmal 30 Jahre zu verschieben. „Autofahren kann sich dann sowieso keiner mehr leisten“. Versöhnlich zeigte Lach sich gegenüber Oberbürgermeister Hoffmann wegen dessen Kursänderung bei der ICE-Trasse. Lach kritisierte Millionengehälter und -boni für Manager und erinnerte daran, dass Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz wegen der Kaufhauskrise von einer Milliardärin zur Millionärin wurde. Allerdings könne die Heimstätte mit zehn Prozent ihres Vermögens zehn Jahre Kerb mit Freibier feiern. Mit Blick auf die Siedlung bedauerte Lach, dass die erste Herrenmannschaft der Rot-Weiß-Fußballer die Relegation für die Hessenliga verpasste. Und den Siedlern, die sich an spielenden Kindern auf dem Trampolin störten, empfahl er, an den Nordpol umzuziehen. „Kinder machen beim Spielen Krach, das liegt in der Natur der Sach‘.“ (Quelle: Darmstädter Echo vom 07.09.2009)
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