Lichterkleid aus über 10 000 Birnchen

Halt - was ist das? Sieht aus wie ein Hexenhaus inmitten der ansonsten so biederen Heimstättensiedlung. Autofahrer, die abends die Klausenburger Straße entlangfahren, sind erst mal verwirrt. In der Seitenstraße Am Eichbaumeck wird die dunkle Häusersilhouette durch ein geheimnisvoll blitzendes, funkelndes Gebäude unterbrochen. Das Dach ist in strahlend blaues Licht getaucht; auf der Fassade scheinen sich bunte Lichterketten rasant von links nach rechts zu bewegen. Und wie Rosinen den Kuchen, so sprenkeln Lichtgestalten die Außenmauern. Die meisten lassen sich in die Kategorie Weihnachts- oder Schneemann einordnen. Dazu erklingt leise Musik, die der Hausherr (,,das ging mir auf den Keks") nach draußen verbannt hat. Wer sich dem Knusperknäuschen-Haus zu Fuß nähert, wird dort wahrscheinlich eine Kinderschar mit Müttern vorfinden. Denn die märchenhafte, heimstättenberühmte Lichtinstallation lädt zum Geschichtenerfinden ein. Ist dies das Haus vom Nikolaus? Wer mag wohl darin wohnen?

Lichter-König Uwe Wörner (59) ist ein zierlicher Mann mit einem handfesten Beruf: Gerüstbauer. Er entspricht so gar nicht der Vorstellung von einem detailverliebten Dekorateur, wirkt bodenständig, denkt pragmatisch. Auf die Frage, wie denn die Nachbarn darauf reagieren, dass sein Haus im Dezember zur Pilgerstätte wird, sagt er trocken: ,,Es hat sich noch keiner beschwert".
Als seine Kinder noch klein waren, machten sie immer große Augen, wenn er zur Weihnachtszeit an der Lincoln-Siedlung vorbeifuhr. Denn die Amerikaner waren damals die ersten, die Mega-Christmas-Effekte aus der Steckdose herbeizauberten. Die Deutschen hielten es damals noch mehr mit Kleckern und Stromsparen statt mit Klotzen. Von diesem leuchtenden Vorbild angespornt, fing Wörner seinem Nachwuchs zuliebe 1994 an, sein Haus lichttechnisch aufzurüsten. Die ersten drei bescheidenen Ketten auf dem Dach deuteten freilich noch nicht darauf hin, dass er einmal das auffälligste Haus von ganz Darmstadt haben würde. Im Startjahr schenkte ihm sein Schwager einen Nikolaus. Das war der erste von vielen, die seitdem vom Dachfirst herab die Spaziergänger grüßen.
Von einem Besuch in der Tschechoslowakei brachten Wörners Kinder dem Vater ein blinkendes Rentier und einen leuchtenden Nikolausschlitten mit. Er freute sich darüber nur bedingt und bemängelte, dass ein Rentier eins zu wenig sei. Unbedingt musste noch ein zweites Tier her. Also fuhr Wörner vierzehn Tage später mit seiner Frau ebenfalls in das Land. Eigentlich, um dort Wochenendurlaub zu machen. Aber in Wirklichkeit, um sich ,,gut und günstig" mit neuer elektrischer Funkelware einzudecken.
Von Jahr zu Jahr trieb Wörner fortan größeren Aufwand. Bald breiteten sich die Lichtergirlanden über sein ganzes Grundstück aus, ringelten sich um den Nussbaum - inzwischen ersetzt er sie dort durch große Kugeln. Wenn es in jeder Ecke blinkt, am liebsten vielfarbig, strahlt auch Wörner. ,,Das ruhige Weiße ist zwar auch schön - aber nicht meine Sache".
Die Nachbarn können sich darauf verlassen, dass sein Haus am 1. Dezember oder - wie in diesem Jahr - am ersten Advent, der noch in den November fiel, funkelbereit ist. Beleuchtet wird es von 17 bis 22 Uhr. Für den Abbau nimmt sich Wörner Zeit bis zum Februar. Denn das Dach muss brottrocken sein, bevor er sich hinaufwagt. Die ganze Pracht wird im Speicher verstaut, der damit komplett ausgefüllt ist. Wieviele Birnchen blinken, weiß der Heimstättensiedler nicht so genau. ,,Es waren mal 15 000", sagt er. Und die Stromkosten? Ach, die haben ihn nie wirklich interessiert. Das dürften aber so um die 1200 Euro sein.
Für diese Ausgabe belohnt ihn die Freude seiner sechs Enkel und der vielen Kinder, die von seinem Haus kaum noch wegzulotsen sind. Manchmal gibt seine Frau Christa ihnen eine Runde Schokolade aus. Seit 2000 hat Wörner jedes Jahr seine Lichterdekorationen fotografiert. Alle Bilder kann er nun auf dem Monitor miteinander vergleichen. In diesem Jahr sind sie besonders weihnachtlich ausgefallen: ,,Das erste Mal gab's richtig Schnee".

(Quelle: Darmstädter Echo vom 24.12.2009)