Die Mauer im Wald - Relikt aus kriegerischen Zeiten

Wozu ist diese große Mauer da? Das fragen sich Neu-Zugezogene, die von der Winkelschneise aus am Lauftreff-Treffpunkt vorbei in den Wald spazieren. Sie ist ein Relikt aus der Zeit, als die Heimstättensiedlung noch von Militärstandorten eingerahmt war. Die gerade von den Amerikanern verlassenen Kelley-Barracks waren einst die Leibgarden-Kaserne, und das Nathan-Hale-Depot diente als Heeresverpflegungslager. Vor dem ersten Weltkrieg gab es am Pulverhäuserweg ein Munitionslager und an der Main-Neckar-Bahn und auf dem heutigen Gelände des Real-Supermarktes die für Nachschub zuständige Train-Kaserne.

Der heutige Ernst-Ludwig-Park an der Siedlungswestspitze verdankt seinen Namen der ehemaligen Ernst-Ludwig-Kaserne . In der südöstlichen Ecke befand sich ein großer Militärschießplatz. Dort lernten die deutschen Soldaten, mit Gewehren umzugehen, und die in Darmstadt stationierten US-Einheiten absolvierten an dieser Stelle später ihre Schießübungen. Das war den Anwohnern ein Ärgernis, und zwar nicht nur wegen des Lärms. Denn wenn auf Tontauben geschossen wurde, flogen den Siedlern die Schrotkörner um die Ohren. Die amerikanischen Streitkräfte gaben den Schießplatz zugunsten eines anderen Platzes im Spachbrücker Wald am 1. September 1970 auf. 1988 wurde auf dem Gelände die Anlage des SKV Rot-Weiß mit Vereinsheim, Tennis- und Fußballplätzen gebaut. An der Schießplatz-Westseite habe es eine Schussbahn für die Panzerabwehrkanone (Pak) gegeben, erinnert sich Hans Darnieder, der in der Köhlertanne wohnt. Die Anlagen bestanden aus 1,20 Meter dickem Beton. Von der Bahn mit Bögen zum Durchschießen ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. ,,Als die Rot-Weiß-Anlage gebaut wurde, wurde da der Aushub hingekippt." Dabei hätte man die Bauwerke mit ihren dicken Wänden und hohen Mauern gut als Proberäume nutzen können, meint Jürgen Luft vom Bürger- und Kerbverein. Außerdem gab es Stände für Pistolen- und Gewehrschützen. Im Südwesten des Platzes befand sich eine fünf Meter hohe Mauer mit einem Gang. Von dem aus konnte man die Schützen beobachten und anleiten. Die Anlagen mit den massiven Mauern wurden auch als Schutzräume genutzt, erzählt Darnieder. ,,Während des Fliegeralarms hatten die Menschen aus dem Kaiserschlag und der Köhlertanne dort Schutz gesucht." Nach dem Krieg sei das ursprüngliche Pförtnerhäuschen als Friseursalon genutzt worden, erinnert sich der Zeitzeuge, dann als Vereinsheim des damaligen Darmstädter Spielmannszuges. Es gebe kaum Informationen über das erst von der Wehrmacht, dann von der US-Armee genutzte Gelände, sagt Stadtarchivar Peter Engels. ,,Die Amerikaner haben nicht viel rausgelassen." Und Darmstädter Unterlagen seien 1944 in der Brandnacht nach dem großen Bombenangriff verbrannt. Auch das Staatsarchiv könne nicht weiterhelfen, bedauert der Historiker, da ab 1871 keine Militärunterlagen mehr lokal angelegt worden waren.

(Quelle: Darmstädter Echo vom 12.08.2010)