Fünfkirchner Straße - Ungarn lässt schön grüßen

In der Fünfkirchner Straße fanden Donauschwaben vor sechzig Jahren eine neue Heimat.

Fünfkirchner Straße. Der Name klingt verdächtig nach Guinness-Buch-Rekord: fünf Kirchen auf einmal. Doch in dieser etwa 300 Meter langen Wohnstraße, die für die Kinder der Heimstättensiedlung in den fünfziger Jahren gleichbedeutend mit dem Ende der Welt war, bimmelt kein einziges Glöckchen. Vor dem Bau des Neubaugebiets Ernst-Ludwig-Park war es die allerletzte Straße vor Eschollbrücken.

Doppel- und Reihenhäuser, manche in Sägezahnbauweise schräg gestellt, schmücken sich mit Vorgärten voller Rosen, Lavendelbüscheln, Pampasgras, Astern. An einer Wand rankt sich sogar ein meterlanger Weinstock entlang. Hier kehren die Anwohner ihren Straßenabschnitt noch selber, und die zahlreichen Birkenbäume auf den Gehwegen sorgen dafür, dass sie den Besen häufiger als ihnen lieb ist zur Hand nehmen müssen. Vor allem im Frühling, wenn es aus den Baumkronen gelbe Blütenkätzchen regnet, und im Herbst, wenn der Wind sein Spiel mit den welken Blätter treibt. Eine schmale, lange Grünanlage mit Sitzgelegenheiten und Autoparkzonen trennt die linke von der rechten Häuserseite. Zusätzlich wird die Einheit der Straße durch die Hauptverkehrsstraße der Siedlung, den Heimstättenweg, geteilt. Obwohl es hier keine Kirchen gibt, ist der Name Fünfkirchner Straße nicht aus der Luft gegriffen. Man muss freilich wissen, dass Fünfkirchen die deutsche Bezeichnung für Pecs ist, für die fünftgrößte Stadt Ungarns, Zentrum der Donauschwaben und Kulturhauptstadt Europas in diesem Jahr.

Die ältesten Bewohner dieser um 1950 am Rande der Heimstättensiedlung entstandenen Straße haben noch als Kinder in der Schule Ungarisch als erste Fremdsprache gelernt. Aufgewachsen sind sie in den zwanzig Bauerndörfern rund um das Oberzentrum Pecs, in denen sich ihre aus Hessen stammenden Familien gegen Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die meisten von ihnen Ungarn verlassen. Erst ab 1965 durften sie Visa beantragen und wieder einreisen, um Verwandte zu besuchen. Manche blieben Pecs zeitlebens verbunden, kauften sich dort sogar eine Zweitwohnung, die heute das Urlaubsdomizil ihrer Kinder und Enkel ist Darmstadt bot den entwurzelten Donauschwaben eine neue Heimat. Das dankten sie der Stadt mit einem 1999 enthüllten Gedenkstein in ihrer Anlage, mit dem sie auch den damaligen Oberbürgermeister Ludwig Metzger ehren. Er war es nämlich, der damals unbedingt Facharbeiter in die zerstörte Stadt holen wollte. Sie sollten sich am Wiederaufbau Darmstadt beteiligen und zum Ausgleich dafür Siedlungsgelände bekommen.

Von diesem verlockenden Angebot hörten auch Katharina Heitzenröder, heute 88 Jahre alt, aus Kistormas und ihr Mann, die mit ihren beiden kleinen Kindern in Unterfranken untergekommen waren, und die Eltern von Peter (78) und Katharina (75) Müller aus Keszönideykut (Kaltenbrunn). Die Anfangszeit war für die neu angekommenen Familien so schwer, dass sie nur ungern darüber sprechen wollen. Sie mussten zunächst auf engstem Raum in einem Lager wohnen. Weil sie aus Ungarn kamen und die Bauersfrauen Kopftücher trugen, wurden sie von den alteingesessenen Darmstädtern abschätzig »Zigeuner« oder auch Flüchtlinge genannt. Katharina Heitzenröder, die seit 1954 in der Fünfkirchner Straße wohnt, findet das paradox: »Wir sind doch gar nicht geflüchtet. Wir sind ausgewiesen worden, weil wir Volksdeutsche waren.« Um 1950 bestand die Fünfkirchner Straße aus Wald, der erst einmal gerodet werden musste. Die Bebauung erfolgte in mehreren Abschnitten. Einzelne Bäume durften, wie frühere Fotos belegen, noch eine Zeitlang stehen bleiben. Tagsüber arbeiteten die Männer in der Stadt, abends und an den Wochenenden bauten sie mit spärlichsten Hilfsmitteln ihre künftigen Wohnhäuser. Ohne Maschinen, nur mit Hammer, Kelle, Schaufel, Schubkarre, Hacke und Säge.

Peter Müller, als Maschinenführer bei einer Baufirma beschäftigt, erinnert sich, dass er damals in seiner sogenannten Freizeit 2400 Arbeitsstunden in der Fünfkirchner Straße geleistet hat. Richtig frei hatte er nur sonntags ab 12 Uhr. Um ins Kino zu gehen, habe man damals viermal zu Fuß von der Siedlung in die Stadt bis zum Union-Kino am heutigen Kaufhof laufen müssen Einmal hin und zurück, um Karten zu kaufen. Und dann noch einmal abends zur Filmvorführung und wieder zurück. Alle vierzehn Tage war Tanz in einer großen Holzbaracke angesagt, und alle freuten sich auf das Highlight im Januar, den Schwabentanz. Die Ungarndeutschen in der Fünfkirchner Straße - die Mehrzahl evangelische Bauern, eine Minderheit katholische Handwerker - kannten sich, halfen sich, feierten. Sie brachten Dorfatmosphäre in die Jugendstilstadt.

Beim Bau der Häuser wusste niemand, in welchem er später einmal wohnen würde. Wenn die Gebäude, die alle den gleichen Zuschnitt hatten, fertig waren, wurden sie unter allen Beteiligten verlost. Heitzenröders bezogen die Nummer 18. Die neuen Eigentümer waren verpflichtet, eine obdachlose Familie bei sich aufzunehmen. Und zwar so lang, bis auch diese eine Unterkunft gefunden hatte. In den sechziger Jahren wurde die breite Fünfkirchner Straße durch die Grünanlage optisch verkleinert. Der Parkstreifen trägt heute den Namen von Heinrich Knieß (1932 bis 2002), den Darmstädter Stadtverordneten aus der Siedlung und Vorsitzenden des von den Ungarndeutschen gegründeten, prosperierenden Sportvereins Rot-Weiß. In den großen Gärten hinter den Häusern gab es Ställe für Schweine und Hühner und sogar Räucherkammern. Angebaut wurde alles, was die Familien für die Selbstverpflegung brauchten und was sie ein bisschen an Ungarn erinnerte - Tomaten, Paprika, Bohnen, Wein. Doch mit zunehmendem Wohlstand machten die Gartenflächen Platz für Garagen oder Anbauten, in die die erwachsen gewordenen Kinder einzogen.

Vor sechzig Jahren mussten alle Häuser einheitlich aussehen, keines durfte optisch aus der Reihe tanzen. Heute setzen sich immer mehr auffällige Farben durch. Alle Gelbvarianten von Vanille bis Eidotter, aber auch Giftgrün, Himmelblau, Rosa und Orange sind vertreten. Und jede Menge Satellitenschüsseln. Die ältesten Bewohner der Fünfkirchner erinnern sich, dass es einmal vier Lebensmittelgeschäfte und einen Friseursalon in ihrer Straße gegeben hat. Wer sie heute entlangläuft, stößt, von der Eschollbrücker Straße kommend, als erstes auf die »Koppdichtung«, eine urige Trinkhalle, deren Stammkunden schon in der Frühe sommers wie winters die Weltlage bereden.

Im Lokal »Stadt Budapest«, das in den Sechzigern der Jugendtreff der Siedlung war, kann man noch ungarische Gerichte bestellen, etwa Szarma, Marhapörkölt oder Bograczgulyas. Dieses Stammlokal der Star-Trek-Fan-Gemeinde und anderer Fantasyserien hatten die Ungarndeutschen Josef und Elisabeth Lach Anfang der fünfziger Jahre in Eigenhilfe gebaut, es wird jetzt von ihren Nachkommen geführt. Im letzten Haus vor der Klausenburger Straße offeriert Otto Winterwerber »Exclusive Hochzeitsfahrten«. Im Livree kutschiert der Elektromechaniker Hochzeitspaare wahlweise mit seiner weiß-blauen Mercedes-Limousine mit Faltdach oder seinem Mercedes-Cabriolet, beide Jahrgang 1950, in den siebten Himmel. Welch' ein romantischer Abschluss eines Spaziergangs, der bei der »Koppdichtung« beginnt! Die einst ungarisch geprägte Fünfkirchner Straße ist durch Hausverkäufe und Zuzüge längst zum internationalen Melting-Pot geworden. Doch der Geist der Pionierzeit schwebt noch immer über ihr. Vor allem samstags kommen die Heimwerker ganz groß heraus. Dann wird nach Art der Vorväter mit Inbrunst gehämmert, gesägt, gemäht, gefräst und gefegt.

(Quelle: Darmstädter Echo vom 15.12.2010)