Gedenken im Vorübergehen - Anne-Frank-Straße

Die Anne-Frank-Straße erinnert an das ermordete jüdische Mädchen aus Frankfurt - Doch was verbinden die Bewohner mit ihr?

Das Baby schreit und hat die Arme ausgebreitet. Sein Fläschchen liegt griffbereit vor ihm, doch die Hände packen nicht zu - zur Reglosigkeit verdammt als Teil einer Plastikpuppe. Eingerahmt von einem Kranz aus rosafarbenem Tüll, Rosen und Schleifchen, leuchtet das trashige Kunststoffbaby als Willkommensgruß in Pink an einer Haustür. Es ist ein schriller Farbtupfer in einer blassen Umgebung, ein Schrei in der Vorortstille.

Grau und Weiß sind die Farben, die in der Anne-Frank-Straße den Ton angeben. Das ist der erste Eindruck, den die noch junge Straße in dem auf einem ehemaligen Kasernengelände geschaffenen „Ernst-Ludwig-Park“ ganz am Rande der Heimstättensiedlung hinterlässt. Schnurgerade zieht sie sich nur wenige hundert Meter entlang zwischen Eschollbrücker und Klausenburger Straße. Das übrige Darmstadt hat vor allem deshalb Kenntnis von ihr, weil hier eine Endhaltestelle des H-Busses liegt und dieser die „Anne-Frank-Straße“ tagtäglich auf seiner Stirn spazieren fährt.

482 Schritte lang können Spaziergänger hier ein Gedenken im Gehen pflegen entlang relativer Gleichförmigkeit: Weiße, graue und ab und zu auch mal leicht gelbliche Wohnblöcke und Reihenhäuser wechseln sich ab mit Parkbuchten, die tagsüber teils verwaist und abends voll sind. Den einzig markanten Farbeffekt hat der Bauverein beigetragen, indem er die Fassade eines Mehrfamilienhaus-Komplexes in kräftigem Eidottergelb angelegt hat. Wenn die Sonne darauf scheint, ist es, als habe jemand das Licht angeknipst. Ansonsten regiert eher Einheitslook.

Wie passt das zur Namenspatronin dieser nicht mal zehn Jahre alten Durchschnittswohnstraße? „Anne Frank, 1929 - 1945, jüdische Schülerin, ermordet im KZ Bergen-Belsen“, steht auf einem der Straßenschilder, das die Erinnerung ein bisschen wach halten soll - auch dann, wenn der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus' am morgigen 27. Januar wieder vorbei ist. Dass das Mädchen aus Frankfurt sich mit seiner Familie in Amsterdam zwei Jahre letztlich vergeblich auf einem Hinterhaus-Dachboden vor den Nazis versteckte und darüber das wohl berühmteste Tagebuch der Weltgeschichte schrieb, steht auf dem Schild nicht.

Aber das müsste ja auch eigentlich jedem bekannt sein, oder? „Ich weiß gar nichts darüber“, bekennt der junge Chinese, der gerade eilig den Bürgersteig entlangläuft. Ja, bestätigt der 35 Jahre alte Kommunikationsfachmann in kaum verständlichem China-Englisch, er wohne hier seit sechs Monaten mit seiner Familie. Dann klingelt sein Handy, er spricht hinein und legt wieder auf.

Hat er denn schon mal was von Nationalsozialismus und Holocaust gehört? Keine Antwort, statt dessen ein fragender Blick, der sagt: Ich will ja nicht unhöflich sein, aber ich muss weiter. Wieder klingelt das Handy. Als er auflegt, macht er einen Vorschlag, um das kurze Gespräch zu beenden: „Wir brauchen jemand, der Anne Frank hier einführt.“

Wie gut, dass kurz darauf Sabine Endreß mit ihren Kindern vorbeikommt. Natürlich kenne sie Anne Frank und habe als Oberstufenschülerin auch ihr Buch gelesen. „Sie hat sich in Amsterdam versteckt und ist letztlich doch verschleppt worden“, weiß die 38 Jahre alte Mutter. „Aber es ist erstaunlich, dass viele Anne Frank nicht kennen.“ Wenn sie beispielsweise telefonisch eine Pizza bestelle und ihren Straßennamen nenne, werde der oft falsch verstanden. Und falsch geschrieben. Als Anna.

Schon seltsam: Tag und Nacht war die junge Anne, ein freiheitsliebender und eigensinniger Teenager, eingesperrt und durfte mehr als zwei Jahre lang überhaupt nicht raus. Und nun trägt eine Straße ihren Namen, in der auffallend viele Metallzäune verbaut wurden. Sie rahmen Mülltonnenplätze ein oder die Mini-Abstellflächen vor den kleinen Parzellenhäusern, wo hie und da ein Besen oder eine Schneeschaufel an der Hauswand lehnt, Fahrräder abgedeckt auf ihren Einsatz warten und pflegeleichte Grünpflanzen akkurat in Reihe und Glied als halbnatürliche Dekorationsartikel Spalier stehen.

Mit Ordnungsliebe eingesetzt sind auch die vielen Bäume, die in gleichmäßigen Abständen zwischen die Parkbuchten gepflanzt sind und die gesamte Straße säumen: Als Schutz wurden um sie herum je drei Stützpfeiler montiert und somit mehr Holz eingesetzt, als sie selbst schon entwickelt haben. Wie Ärmchen zweigen kurze Äste von dünnen Stämmen ab. Der Granulatgrund, aus dem sie ragen, wird gleichzeitig als Hundeklo missbraucht.

Auch Stefanie Nezhani muss gleich mit dem Hund raus. „Meinen Sie die Anne Frank von den Juden?“ fragt die 34 Jahre alte Ur-Heimstättensiedlerin zurück, beladen mit Einkaufstüten und etwas in Eile, aber deshalb nicht minder herzlich. „Die wurde doch damals mit ihrer Familie mitgenommen, wie das war mit der Judenzeit.“ Das Buch hat die vierfache Mutter nicht gelesen, aber den Film zweimal gesehen. Doch viele, glaubt sie, kämen beim Straßennamen nicht drauf, wer dahinter steckt. „Die jungen Leute eher nicht, und hier wohnen auch viele Ausländer.“

Dazu gehört etwa der kräftige Familienvater aus Kasachstan, der in Jogginghose und mit nacktem Oberkörper an die Tür kommt und auf Nachfrage nüchtern aber nicht gleichgültig feststellt: „Ich kenne die Anne Frank nur von den Namensschildern. Ich habe genug über die Geschichte unseres eigenen Landes zu klären.“

Letzteres gilt wohl auch für die ältere Spaziergängerin, deren Begleiterin einen schwarz-rot-goldenen Stoffbeutel im Korb ihres Rollators liegen hat. Anne Frank? „Die war Jüdin, eine der Überlebenden.“ Nein, sie wurde ermordet. „Ach, sehen Sie, das ist so lange her, da vergisst man so was wieder, und gutmachen kann man's eh nicht mehr - egal, wie viele Denkmäler man hinstellt.“

Weniger wortreich antwortet ein kleines Mädchen, das ein bisschen gelangweilt den Gehweg entlang schlendert: „Weißt du, wer Anne Frank war?“ Kopfschütteln und offener Blick aus braunen Augen. „Wohnst du denn hier in der Straße?“ Eifriges Kopfnicken. „Kannst du dir denn vorstellen, wer Anne Frank war?“ Wieder Kopfschütteln. Stumm geht das Kind weiter in Richtung Ollendorffplatz.

Die steinerne Fläche im Zentrum des Ernst-Ludwig-Parks bietet für die viele jungen Familien, die drumherum zur Miete oder in Eigenheimen wohnen, ein paar Sitzmöglichkeiten oder einen Sandkasten für die Kleinen. Die Größeren müssen sehen, wie sie sich zwischen den Anweisungen „Ballspielen ist hier verboten“ und „Der Ollendorffplatz ist kein Bolzplatz“ arrangieren. Oder sie weichen auf die gegenüberliegende Elisabeth-Leuschner-Anlage aus, eine lang gestreckte Rasenzunge mit allerlei Spiel- und Klettergeräten, auf der bei wärmeren Temperaturen viel Leben ist.

Trotzdem vermissen Henri und Tim einen Fußballplatz. „Hier kann man nicht so gut toben“, sagen die beiden rotblonden Sommersprossen-Jungen, die gerade an der Haltestelle auf den Bus warten. Zwar hat die Stadt irgendwann mal einen Bolzplatz in Aussicht gestellt auf dem Grundstück an der Ecke Klausenburger Straße: Doch dort wartet hinter Maschendraht und wachsendem Unkraut nach wie vor das leerstehende Gebäude auf Abriss, das als letzter Gruß von der einstigen Ernst-Ludwig-Kaserne übrig ist. Nun ist die Kaserne zum Gedenkort für eine ermordete Jüdin geworden.

Oder zumindest zum Nachdenkort. Wer das gewesen sein soll? Der zwölfjährige Tim hat keine Ahnung. Und Henri? „Die war im Krieg irgend so 'ne Bestreiterin“, befindet der Elfjährige mit einem Lausbubengrinsen und schiebt sich den letzten Bissen seiner Stulle in den Mund. Als sie erfahren, dass Anne Frank nicht viel älter war als sie, als sie sich vor den Nazis verstecken musste und schließlich starb, werden sie kurz still.

Es klingt fast entschuldigend, als Tim feststellt: „Ich kenne sie nur von der Straße her.“ Henri ergänzt: „Und von wo der Bus hält.“ Das tut er im nächsten Moment mit wohligem Knattern, und die beiden Jungs springen mit Elan hinein. Und lassen eine Erkenntnis zurück: Gedenken muss nicht immer bewusst ablaufen. In der Anne-Frank-Straße geschieht es mitten im Leben, im Vorbeigehen.

(Quelle: Darmstädter Echo vom 26.01.2011)